Aktuell

Sitzmöbel für die heutige Zeit

Hubertus Adam, Kunsthistoriker und Architekturkritiker, im Gespräch mit Frédéric Dedelley über sein Designverständnis und die Zusammenarbeit mit horgenglarus

 

Wie kam es zum Kontakt mit horgenglarus?

Als Schweizer Designer ist mir die Firma natürlich seit langem bekannt. Und ich habe vor vielen Jahren sogar schon einmal einen Entwurfsvorschlag gemacht. Daraus ist damals allerdings nichts geworden. Was mich an horgenglarus fasziniert: der Mix aus traditionellem Handwerk und modernen Bearbeitungsmöglichkeiten, der für mich ein grosses Potenzial besitzt.

 

Sie waren dann beteiligt am Projekt «Take a seat». Das Café Z am Park in Zürich-Wiedikon beauftragte zwischen 2009 und 2015 insgesamt 65 Künstler und Designer, jeweils vier «classics» von horgenglarus zu bearbeiten – besser gesagt:  verfremden. Es handelt sich dabei um die in den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts entstandenen Stühle, die mit ihren stabilen Zargen heute als Inbegriff des anonymen Schweizer Designs gelten. Nach einigen Monaten des Gebrauchs wurden die verfremdeten Stühle jeweils versteigert.

«Take a seat» hat mich dazu inspiriert, mich mit der Geschichte der Firma horgenglarus und dem Stellenwert der Stühle in der Schweizer Designgeschichte auseinanderzusetzen. Mit meinen durch ornamentale Sägearbeit verfremdeten Stühlen unter dem Titel «Heimweh» wollte ich an die traditionellen gesägten Bauernstühle erinnern, die sogenannten Stabellen. Ohne Stabellen, so schien es mir, könnte es gar keine Stühle von horgenglarus geben.

Tatsächlich wurzelt horgenglarus ja auch in einer Fabrik für gesägte Möbel, die 1880 in Horgen gegründet wurde.

Zu ersten wirklichen Zusammenarbeit kam es dann bei der Inneneinrichtung des neugestalteten Restaurants Vorderer Sternen am Zürcher Bellevue. Die Innenarchitektin hatte meine Stühle für das Café Z am Park gesehen und fragte mich, ob ich nicht für die Neubestuhlung des Restaurants etwas Ähnliches machen könne. Ich habe dann das Stuhlmodell «safran» gewählt und durch eine sternförmige Perforierung der Sitzplatte variiert. Dieses Vorgehen bezog sich einerseits auf den Namen des stadtbekannten Restaurants, zum anderen aber auch auf die Möbelgeschichte. Denn Perforierungen mit unterschiedlichen Mustern gehörten auch früher schon zu den üblichen Varianten von seriell hergestellten Stühlen.

Und nun, nach diesen Auseinandersetzungen mit Produkten von horgenglarus, könnte die Zeit für einen zweiten Entwurfsvorschlag reif sein, dachte ich mir. Der Sessel «haefeli» aus dem Jahr 1926 von dem Architekten Max Ernst Haefeli und Ernst Kadler-Vögeli, dem technischen Leiter von horgenglarus, interessierte mich. Weil er als kleiner Sessel mehr bietet als ein normaler Stuhl. Doch sehr schnell merkte ich, dass die Idee, dieses Sitzmöbel für unsere heutige Zeit neu zu interpretieren, nicht funktioniert. Es besitzt einen starken Charakter, und sobald man etwas ändert, verliert es ihn.